Landwirtschaft


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Bauern in Stuttgart: Import von Agrarerzeugnissen verhindert fairen Wettbewerb

Im März haben mehrere hundert Bauern in Stuttgart mit ihren Traktoren demonstriert: Sie protestierten gegen den nach ihrer Ansicht unfairen Wettbewerb, der mit dem Import von Lebensmitteln einhergeht. Die Aktion ging aus von der Initiative Freie Bauern.

Die BNN haben berichtet.

Die Initiative Freie Bauern nimmt für sich in Anspruch, eine Interessenvertretung der bäuerlichen Familienbetriebe in Deutschland zu sein. Aus ökologischer Sicht sind ihre agrarpolitischen Positionen durchaus sehr widersprüchlich. Wenn sie sich beispielsweise auf der einen Seite gegen eine Politik wenden, die die Agrarkonzerne zu Lasten der bäuerlichen Betriebe fördert, treten sie andererseits für die Beibehaltung der flächenbezogenen Direktzahlungen aus dem EU-Agrarhaushalt ein, wenn auch mit einer strukturellen Besserstellung bäuerlicher Betriebe. Sie wenden sich gegen CETA und Mercosur, aber eher aus nationaler Sicht. Die Zerstörung landwirtschaftlicher Strukturen in den Ländern des Südens durch die Handelspolitik der EU ist nicht ihr Thema. Sie wenden sich gegen den Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen für „Häuser, Straßen und Tagebaue“ – aber auch für Naturschutz! Diese Ambivalenz ist wohl gegenwärtig durchaus kennzeichnend für viele Bauern außerhalb des konsequent biologisch-ökologischen Sektors und sollte von der Umweltbewegung in einem kritischen Dialog aufgegriffen werden.

Dazu ist auch interessant:

Onno Poppinga: Solange die wirtschaftliche Lage bei einem großen Teil der landwirtschaftlichen Betriebe desolat ist und darauf nicht glaubwürdig eingegangen wird, werden an sich sinnvolle Anforderungen nur als weitere Verschärfung und Bedrohung wahrge-nommen, so ist zumindest meine Befürchtung.

Der Agrarwissenschaftler Onno Poppinga (em. Professor für Regionale Agrarpolitik an der Universität Kassel-Witzenhausen  und früherer wissenschaftlicher Assistent bei Theo Bergmann in Stuttgart-Hohenheim) skizziert die prekäre Lage bäuerlicher Betriebe mit konventioneller Wirtschaftsweise und wie dies in den Protesten der Bauern dazu führen kann, dass rechte und antisemitische Positionen Platz greifen. Ohne dies zu verharmlosen plädiert er dafür, den ernsten Kern der Bauernproteste politisch adäquat wahrzunehmen.

Interview in Der Freitag


Basisinformation


Weltagrarbericht: Die Überwindung des Hungers mit nachhaltigen Mitteln
werde weltweit nur mit Hilfe und unter aktiver Einbeziehung der Kleinbauern und -bäuerinnen der Welt gelingen.

Ausdrücklich schließt der Bericht dabei die Subsistenzlandwirtschaft vieler Regionen der Welt mit ein.

Über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fassten 2008 im Auftrag der Weltbank und der UN den Stand des Wissens über die globale Landwirtschaft, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. Dieser Weltagrarbericht ist unbequem und alarmierend, warnt vor Irrwegen und zeigt Lösungen auf. Diese Seite fasst seine wichtigsten Ergebnisse zusammen, bietet alle Original-Berichte sowie Fakten und Zahlen. Sie will zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – vor allem aber zum Handeln.

Der Weltagrarbericht schließt mit umfangreichen politischen Handlungsnotwendigkeiten:

  • Reduzierung des Einsatzes von Agrarchemikalien (insbesondere von
    Pestiziden und synthetischen Düngern);
  • effizientere Nutzung von Energie, Wasser und Böden (nicht nur wie
    in der Präzisionslandwirtschaft, sondern auch wie in agrarökologischen
    Kreisläufen);
  • Diversifizierung agrikultureller Systeme;
  • Anwendung agrarökologischer Bewirtschaftungsprinzipien;
  • Koordination der politischen Maßnahmen zum Umgang mit biologischer
    Vielfalt und Ökosystemleistungen;
  • Internalisierung der Umweltlasten nicht nachhaltiger Praktiken  und Vermeidung eines unangemessenen Umgangs mit Pestiziden und Düngemitteln;
  • Sicherstellen fairer Kompensationen für Ökosystemleistungen;
  • Regulierung umweltzerstörender Praktiken, Schaffung von Regelungen
    für Institutionen, die die Einhaltung der Bestimmungen überwachen
    und auswerten;
  • Ermöglichung und Schaffung von Anreizen für neue Märkte, zum
    Beispiel umweltgerechte Erzeugnisse, Zertifizierung nachhaltiger
    Praktiken in Forstwirtschaft, Fischerei und für den ökologischen
    Landbau und Stärkung lokaler Märkte, auch durch Ausbau der Verbindungen zwischen Erzeugern in ländlichen Räumen und städtischen Konsumenten innerhalb einer Region;
  • Unterstützung von Bäuerinnen und Bauern, die über wenig
    Produktionsmittel verfügen, ihr lokales und traditionelles technisches Wissen zu nutzen, um die Bodenfruchtbarkeit, die genetische Vielfalt
    von Pflanzen und Tieren und den Naturschutz zu integrieren;
  • Novellierung der Regeln zu geistigen Eigentumsrechten und verwandter
    Rechtsvorschriften dergestalt, dass Bäuerinnen und Bauern
    ihr Saatgut und ihre genetischen Materialien so verwenden können,
    wie sie es für richtig halten;

Weltagrarbericht: 10 Jahre danach

Wirkung und Folgen des UN-Berichts zur Welternährung und Landwirtschaft

Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament haben zu diesem Thema einen Bericht vorgelegt. Fazit: „Zehn Jahre nach seinem Erscheinen (Weltagrarbericht) wird deutlich, dass hier ein Umdenken seinen Ausgang nahm, das sich heute zwar in Köpfen, Bekenntnissen und Publikationen von Wissenschaftler*innen und Politiker*innen durchgesetzt hat, aber noch immer weit davon entfernt ist, die globale Agrar-, Handels- und Ernährungspolitik zu bestimmen.

Hier geht’s zu dieser Bestandsaufnahme.

 


Archiv

Solidarische Landwirtschaft Stuttgart

Landwirtschaft ganz neu gedacht? Das gibt es in Stuttgart! Verbraucher*innen haben sich mit dem Reyerhof in Möhringen zusammengeschlossen. Mit mehr als 350 Anteilen im Verein SoLaWi Stuttgart stellen sie eine gemeinsame Versorgung mit Lebensmitteln sicher, die biologisch-dynamisch erzeugt werden.
Man kann auch einfach mitmachen!

 


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